Meinung: Weg mit der Arroganz

Bildungseliten haben keinen Grund, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Dass sie das nicht verstehen, ist der beste Beweis.
   
Im Audimax der Alten Parteischule in Erfurt ist es zu laut. Der Professor mahnt zur Ruhe und betont: „Sie befinden sich hier in heiligeren Hallen als nachher in der Straßenbahn.“ Ein Satz, der beispielhaft für eine unerträgliche Arroganz einiger Universitätsangehöriger steht. Demnach handelt es sich bei einer Hochschule um eine Institution von unschätzbarem, fast überirdischem Wert. Die Ehrfurcht vor dieser Institution gebietet bereits, was der Professor „akademische Disziplin“ nennt, womit er unter anderem stilles Zuhören meint.

An dieser Stelle könnte sich mancher fragen, was an der Aussage auszusetzen ist. Tatsächlich handelt es sich um ein Privileg, eine Hochschule besuchen zu dürfen und einigen Studierenden mag diese Tatsache nicht bewusst genug sein. Vielleicht hat der Professor auch einfach gemeint, man solle sich doch in der Straßenbahn und nicht im Hörsaal unterhalten. Bloß, so hat er es nicht gesagt.

Stattdessen stellt er die Universität auf eine höhere Stufe als die nichtakademische Welt, die durch die Straßenbahn vertreten wird. Er nimmt eine klar wertende Trennung zwischen Universitätsangehörigen und anderen vor. Schon der Begriff der „akademischen Disziplin“ suggeriert, es gäbe eine Form der Disziplin, die nur an Hochschulen existiert und die sich von anderen unterscheidet. Auch hier kann man sich denken, welche Variante aus Sicht des Professors die hochwertigere ist – die akademische. Kurz: Universität hui, alles andere pfui! Womit wir bei der diagnostizierten Arroganz angekommen sind, die bestimmt viele – zumindest unterbewusst – in sich tragen. Wer hat sich noch nie besser als andere gefühlt, die nicht studieren, weil man scheinbar fleißiger und schlauer ist, oder weil man denkt, man hätte mehr erreicht als eben jene?

Dafür gibt es jedoch überhaupt keinen Grund. Akademische Ausbildungen und Berufe sind nicht per se besser oder anspruchsvoller als nicht-akademische. Sie stellen schlicht unterschiedliche Anforderungen. Der Bahnfahrer muss seine Maschine beherrschen, auf den Verkehr reagieren und Verantwortung für seine Passagiere übernehmen. Der Professor soll Wissen vermitteln und zu neuen Erkenntnissen beitragen. Beide tragen ihren Teil zur Gesellschaft bei. Dennoch bevorzugt unser System die Bildungseliten. Am deutlichsten wird das auf dem Gehaltszettel. Ein Doktortitel ist mehr wert als ein Meisterbrief.

Doch selbst wenn es einen Qualitätsunterschied bei den Anforderungen gäbe, rechtfertigt das keine Überheblichkeit. Gerade solange die soziale Mobilität in Deutschland so schlecht wie in kaum einem anderen OECD-Land ist. Wer Akademikereltern hat, studiert mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst einmal. Für Kinder von Nicht-Akademikern ist es bedauerlicherweise erheblich schwieriger, die Hochschule zu erreichen.

Ein Hochschulabschluss gibt also keinen Anlass, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Er macht auch noch keinen schlauen Menschen aus einem. Wer das nicht versteht, ist der beste Beweis dafür.

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