Sanierungsstau: „Das ist ärgerlich.“

Jan Gerken, Kanzler der Universität Erfurt, spricht im Interview über den Sanierungsstau, die dadurch verschlechterte Lehrsituation und das Land Thüringen, das für den Hochschulbau zuständig ist.

Tuen das Land und die Stadt genug für den Hochschulstandort Erfurt?
(lacht) Es gibt ein schönes Stichwort: „Mehr geht immer“. Das Land hat die Universität Erfurt, was diese baulichen Mängel angeht, schon wieder auf dem Schirm. Jahrelang war hier weniger Aktivität zu verzeichnen. Wir versuchen das gerade aufzuholen. Da Universitäten Landessache sind, ist die Stadt da randlich mit befasst. Die Stadt unterstützt uns da, wo sie es kann – was Bebauungspläne angeht, was eventuelle Baugrundstücke angeht und den ein oder anderen Hinweis auf Immobilien, die die Universität Erfurt anmieten könnte, um dort Forschung und Lehre stattfinden zu lassen.

Jan Gerken, Kanzler der Universität Erfurt, hofft, dass die Alte Parteischule als Ersatz für das gesperrte Audimax irgendwann der Vergangenheit angehören wird. (Foto: Universität Erfurt)

Wie hoch sind die Mittel, die das Land für die Instandhaltung der Gebäude zur Verfügung stellt?
Das Land stellt mehrere 100.000 Euro zur Verfügung für den jährlichen Bauunterhalt. Der Bedarf liegt allerdings knapp über einer Million.

Im Lehrgebäude 2 sind Deckenarbeiten notwendig, die während des Semesters durchgeführt und vermutlich recht laut werden. Wird dadurch nicht auch der Lehrbetrieb beeinflusst?
Der Lehrbetrieb wird bedauerlicherweise sehr massiv beeinflusst. Wir versuchen, das in die Randbereiche der Wochen zu legen. Zuständig für diese Maßnahmen ist natürlich der Thüringer Landesbau, die Hochschule hat wenig Einfluss darauf. Wir versuchen das, aber es wird sich nicht verhindern lassen. Ausweichmöglichkeiten haben wir auch nicht, um die Veranstaltungen zu verlegen. Das ist ärgerlich.

Andere Universitäten in Thüringen dürfen eigenständig kleinere Bauvorhaben umsetzen, ohne zuerst die Zustimmung des Landes einholen zu müssen. Warum darf das die Universität Erfurt nicht?
Die Universität Erfurt hat einen solchen Antrag vor kurzem gestellt. Der Antrag ist abgelehnt worden, weil das Land der Hochschule nicht in dem Umfang zutraut, diese Aufgaben wahrzunehmen.

Als Ersatz für das gesperrte Audimax dient bisher die Alte Parteischule. Dort sind zuletzt die Heizungen ausgefallen. Ist diese Situation noch hinnehmbar?
Die Alte Parteischule ist für uns die einzige Möglichkeit, Lehrveranstaltungen von Größenordnungen von über 500 Studierenden stattfinden zu lassen. Sozusagen ein Monopolist hier in Erfurt. Wir haben einen Nutzungsvertrag mit dem Betreiber der Alten Parteischule, das heißt, wir mieten stundenweise die Räumlichkeiten. Das mit der Kälte haben wir natürlich auch gehört. Es ist mittlerweile Abhilfe geschaffen worden.
Nichtsdestotrotz ist dieser Zustand natürlich alles andere als optimal, weil ja auch die Zu- und Abfahrtswege zur Parteischule vom Campus nicht gerade kurz sind und doch ganz stark den Studienbetrieb beeinträchtigen. Ich glaube, es ist schwer möglich, in einer halben Stunde von der Parteischule wieder auf den Campus zu kommen. Somit verlassen viele Studierende, wie ich gehört habe, die Vorlesung schon vor dem Ende, um am Campus wieder in der nächsten Vorlesung sitzen zu können.

Wie viel kostet die Mietung der Alten Parteischule?
Das kostet die Universität mehrere 10.000 Euro im Jahr.

Auf ihrer Website wirbt die Universität mit „Zehn Gründen für ein Studium an der Uni Erfurt“, dazu zählen auch „kurze Wege“. Kann man bei so vielen verschiedenen Standpunkten wie dem Hügel, das Max-Weber-Kolleg am Steinplatz und der Alten Parteischule noch von kurzen Wegen reden?
Momentan kann man das nicht, aber wir arbeiten daran. Es hat einen erfolgreichen Forschungsbauantrag gegeben. Der Forschungsbau wird 2021 am Campus eröffnet werden, zwischen dem Bibliotheksgebäude und dem KIZ, sodass das Max-Weber-Kolleg dann wieder auf dem Campus der Universität Erfurt sein wird. Und wir kämpfen natürlich darum, dass wir einen großen Hörsaal auf dem Campus bekommen, sodass auch die Alte Parteischule irgendwann der Vergangenheit angehören wird.

Wie wahrscheinlich ist es, dass das Audimax wieder öffnen wird?
Das halte ich für nicht so wahrscheinlich, weil es hier um Denkmalschutz geht. Bauen im Denkmal ist sehr aufwändig und teuer und das Audimax ist und war aus meiner Sicht eher eine Aula und kein moderner Hörsaal.

Im Lehrgebäude „Am Hügel“ dürfen sich wegen Brandschutzvorgaben nur noch zehn Personen gleichzeitig pro Stockwerk aufhalten. Kann diese Beschränkung überhaupt eingehalten werden?
Diese Beschränkung wird eingehalten.

Es gibt jetzt vom Studierendenrat eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema Sanierungsstau befasst und die die Politik auf das Thema aufmerksam machen will und auch zum Handeln bewegen will. Was erhoffen Sie sich davon?
Ich hoffe erstmal, dass die Politik diesen Studierendenprotest wahrnimmt. Ich glaube, die Studierenden sind hauptsächlich betroffen, unter anderem natürlich auch von dieser Notlösung mit der Alten Parteischule. Und da die Universität Erfurt zu den wenigen Hochschulen in Thüringen gehört, die steigende Studierendenzahlen zu verzeichnen hat, würde ich mir schon erhoffen, dass die Landesregierung die Universität Erfurt unterstützt. Damit wir die Attraktivität, die wir vielleicht verloren haben, wieder zurückgewinnen und noch attraktiver werden für unsere Studierenden und Studienbewerber durch eine sehr gute Infrastruktur in Zukunft.

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