Sexuelle Belästigung: „Es muss laut werden.“

Fast zwei Jahre hat es vom ersten Belästigungsvorwurf bis zur Suspendierung eines Professors der Uni Erfurt gebraucht. Warum das nicht eher geschah und wie man mit sexuellen Übergriffen umgehen sollte, darüber sprach Gleichstellungsbeauftragte Prof. Dr. Schmolinsky in einer Diskussionsrunde.

Zu der Veranstaltung hatte die Juso Hochschulgruppe eingeladen, nachdem im Dezember vergangenen Jahres bekannt wurde, dass ein Professor der Universität Erfurt Studentinnen sexuell belästigt haben soll. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hatte berichtet, dass der Professor verdächtigt werde, Leistungspunkte im Tausch gegen Sex angeboten zu haben. Erste Beschwerden gegen ihn seien schon im Frühjahr 2016 bei der Universitätsleitung eingegangen. Das Wissenschaftsministerium habe den Angestellten der Universität als Folge im Dezember 2017 vom Dienst suspendiert.

Dass der Prozess bis zur Suspendierung des Professors so lange gedauert hat, erklärte Sabine Schmolinsky, Gleichstellungsbeauftragte der Universität, mit den Bedingungen eines Rechtsstaats. Man dürfe Menschen nicht direkt an den Pranger stellen. Davor müssten Zeug*innen oder Beweise für die Übergriffe gefunden werden. „Diese Nachforschungen sind sehr langwierig“, so Schmolinsky. Damit gegen übergriffige Personen an der Universität vorgegangen werden könne, müssten diese zudem zuerst von den Betroffenen gemeldet werden. Vielen Hilfesuchenden mache dieser Schritt jedoch Angst. Oft existiere ein Abhängigkeitsverhältnis zur Tatperson wie im Falle der Studentin, die von ihrem Professor bewertet wird. Hinzu kämen Scham und die Angst davor, das Leben der beschuldigten Person „zu zerstören“.

Steigende Zahl von sexueller Belästigung an der Universität Erfurt

Gleichstellungsbeauftragte Prof. Dr. Sabine Schmolinsky registrierte eine steigende Zahl an sexuellen Übergriffen an der Universität Erfurt. (Foto: Michael Kees)

Wie weit die Betroffenen gehen wollen, müssten sie selbst entscheiden, sagt Schmolinsky. Zwar falle es denen, die sich an das Gleichstellungsbüro wenden, oft extrem schwer, zur Polizei zu gehen, abnehmen könne man ihnen diese Last aber nicht. Die Angst der Hilfesuchenden werde in der öffentlichen Debatte um sexuelle Belästigung nicht ausreichend thematisiert, findet die Gleichstellungsbeauftragte. Stattdessen werde oft gesagt: „Die hätte sich doch wehren können.“ Auch das häufige Verniedlichen und Witzeln über sexuelle Belästigung in der Gesellschaft mache es den Betroffenen zusätzlich schwer. „Es muss laut werden. Es muss eine Debatte darüber geführt werden“, fordert Schmolinsky deshalb, damit das Problem ernster genommen wird und Betroffene Unterstützung finden. Denn an der Universität Erfurt erfasste das Gleichstellungsbüro eine steigende Zahl von Gewalt und sexueller Belästigung, wie die Gleichstellungsbeauftragte im Mai 2017 dem Senat berichtete. Der Anstieg müsse allerdings nicht die tatsächliche Entwicklung abbilden, sondern könne auch daher kommen, dass Übergriffe inzwischen häufiger gemeldet werden als früher.

Dennoch gibt es weiterhin Belästigungsfälle, die nicht beim Gleichstellungsbüro landen. Vom Fall des suspendierten Professors habe Schmolinsky zum Beispiel erst aus den Medien erfahren. Deswegen müsse das Gleichstellungsbüro der Universität als Anlaufstelle bekannter werden. Eine bessere Präsenz auf der Universitätswebsite könnte dabei helfen, mehr Menschen auf das Gleichstellungsbüro aufmerksam zu machen, ist sich Schmolinsky sicher. In der Debatte warfen Studierende dem Gleichstellungsbüro hingegen vor, zu wenig Eigeninitiative zu zeigen, um seine Bekanntheit zu steigern. Sie kritisierten, dass naheliegende Ideen bisher nicht bedacht worden seien und schlugen vor, in sozialen Netzwerken und in Einführungsvorlesungen präsent zu sein, um auf möglichst vielen Wegen erreicht werden zu können. Darüber hinaus wurde bemängelt, dass es nach dem Bericht des MDR keine öffentliche Reaktion der Universität beispielsweise in Form einer Stellungnahme gegeben habe. Auch die Initiative, eine Diskussion zum Thema anzuregen, sei nicht vom Gleichstellungsbüro, sondern von einer Hochschulgruppe ausgegangen.

Kritik am Lehrangebot übte eine Studentin, die anmerkte, dass das Thema Gender an der Universität Erfurt kaum behandelt werde. Andere Universitäten seien in dem Bereich deutlich besser aufgestellt. Auf Unverständnis und Ablehnung stieß die Aussage einer Dozentin, dass manche ihren Alkoholkonsum überdenken sollten, da es eher zu sexueller Belästigung komme, wenn wie in den Studieneinführungstagen viel Alkohol auf dem Campus getrunken werde. Zwei Studentinnen verließen daraufhin protestartig den Raum. Um das Verwaltungs- und Lehrpersonal für das Thema sexuelle Belästigung zu sensibilisieren, schlugen Studierende vor, Lehrgänge anzubieten. Die Gleichstellungsbeauftragte machte daraufhin auf ein weiteres Problem aufmerksam: Genauso wie mit der Diskussionsveranstaltung erreiche man durch das Angebot von Lehrgängen nur wenige von denen, die sich stärker mit dem Thema auseinandersetzen müssten. „Da kommen die üblichen Verdächtigen“, berichtete sie aus eigener Erfahrung.

 

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