„Ich hoffe immer noch, dass alles ein riesiges Missverständnis war“

Mit Rassismus hatten Leo und Julius schon früher zu kämpfen. So offensichtlich wie am Einlass des Erfurter Clubs Cosmopolar sei er ihnen aber noch nicht begegnet. Auch von der Polizei sind sie enttäuscht. Die Studenten seien als Störer aufgefallen, verteidigt sich das zuständige Sicherheitsunternehmen.

„Die haben mich nicht mal meinen Ausweis zeigen lassen. Der Typ hat mich angeschaut, auf die Haut seiner Hand gezeigt und gesagt, dass ich nicht in den Club darf“1, erzählt Julius, Austauschstudent an der Universität Erfurt. „Die“, damit meint er die Türsteher des Erfurter Clubs Cosmopolar. Den Fingerzeig eines Türstehers versteht Julius als Hinweis auf seine Hautfarbe – Julius ist Schwarz. Zusammen mit einer Gruppe von internationalen Studierenden aus verschiedenen Ländern wollte er am Samstagabend, 22. September, eine Party im Cosmopolar besuchen. Zu dieser Gruppe gehörte auch Leo, der in der Schlange beim Einlass neben Julius stand. Ihm verweigerten die Türsteher ebenso den Eintritt – auch er hat dunkle Haut.

„Die meisten aus der Gruppe sind ohne große Probleme hereingekommen“, berichtet Leo in einem Facebook-Beitrag, den er noch in derselben Nacht verfasst hat. Deshalb hätten sie einen jungen Wachmann gefragt, warum ausgerechnet die zwei Schwarzen aus der Gruppe aussortiert wurden. Dieser habe nicht mit ihnen gesprochen und soll laut Julius derjenige gewesen sein, der auf seine Hand gezeigt habe. Einen kleinen Teil dessen, was danach passiert ist, hat Julius mit seiner Handykamera gefilmt. Das Material liegt UNIversal vor2. In dem knapp 50 Sekunden langen Video ist zu sehen, wie ein anderer, älterer Türsteher auf Julius zugeht und ihn auffordert, sein Handy weg zu packen. Julius sagt dem Türsteher, dass er einen Ausweis und Geld dabei habe und in den Club wolle. „Das ist scheiß egal!“, schnauzt dieser ihn an. Der Türsteher redet deutsch, Julius spricht englisch.

Taschenlampe oder Elektroschocker: Im Video ist nicht zu erkennen, worum es sich handelt.

„Kein Einlass, basta!“, beendet der ältere Wachmann das Gespräch und geht wieder zurück zur Schlange. Julius folgt ihm und fragt ihn, warum er Menschen diskriminiere. Der jüngere Türsteher kommt dazu und stellt sich vor Julius, während der ältere erneut laut fordert, Julius solle das Handy wegpacken. „Ich bin ein Mensch!“, erwidert Julius ebenso laut, dann wird er plötzlich leise. „Okay, wir gehen“, sagt er. Julius und Leo denken, der Wachmann habe in diesem Moment einen Elektroschocker in der Hand gehalten. Auf dem Video ist nur ein verschwommener Gegenstand zu erkennen. Das Sicherheitsunternehmen Guardian Force Security, das das Einlasspersonal am Cosmopolar stellt, gab UNIversal gegenüber an, es handle sich bei dem Gegenstand im Video um eine Taschenlampe.

„Sie sagten, es habe Probleme gegeben und sie seien vorsichtig, wen sie in den Club lassen“

Die herbeigerufene Polizei stellte keine Straftaten fest. (Foto: privat)

Nach der Situation im Video hätten die Austauschstudenten eine vorbeifahrende Polizeistreife angehalten und auf die ihrer Meinung nach rassistische Auswahl der Türsteher hingewiesen, erzählt Leo. Die Polizistin und der Polizist hätten gesagt, dass sie nichts tun könnten, dann hätten sie das Fenster geschlossen und seien weitergefahren. „Im Grunde war es ihnen total egal“, meint Leo. Daraufhin rief Julio, ein weiterer Student aus der Gruppe, bei der Polizei an. Er selbst war zwar schon im Club, aber nachdem er hörte, was passiert war, ist er wieder nach draußen gegangen: „Wir waren alle wütend und hatten das Gefühl, etwas tun zu müssen.“ Die Polizei schickte eine weitere Streife vorbei. „Sie (die Polizei; Anm. d. Red.) ist angekommen und ich habe ihnen die Sache erzählt – von einem Elektroschocker wusste ich allerdings nichts“, so Julio. „Die Polizei wirkte nicht besonders überrascht“, findet Teresa, ein weiteres Mitglied der Gruppe. Bevor die Streife ankam, will sie gesehen haben, wie wieder ein Schwarzer Mann sofort und ohne Ausweiskontrolle aus der Schlange verwiesen wurde. Seine Schwarze Begleiterin sei dagegen ohne Probleme an den Türstehern vorbeigekommen.

Die Polizistin und der Polizist aus der Streife hätten dann mit dem älteren Wachmann gesprochen. Danach hätten sie den Studierenden erklärt, warum Julius und Leo an diesem Abend nicht in den Club dürfen. „Das war so frustrierend“, erinnert sich Teresa. „Sie sagten, es habe Probleme mit einer Gruppe von Männern gegeben – ich schätze mit Schwarzen – und sie (die Türsteher; Anm. d. Red.) seien vorsichtig, wen sie in den Club lassen.“ Julio meint, die Polizei habe wörtlich von „Schwarzen“ geredet. Außerdem habe die Polizei gesagt, dass die Türsteher das Hausrecht hätten und jeden ablehnen dürften, den sie wollen, erzählt Teresa weiter. Sei es wegen schlechten Verhaltens, Kleidung, Erscheinung oder aus jedem sonstigen Grund. Julio fügt an, die Polizistin habe gesagt, aus ethischer Sicht sei es anders, aber sie könnten nicht auf der Basis von Ethik handeln.

Dabei änderte die rot-rot-grüne Landesregierung fast genau vor einem Jahr, am 16. Oktober 2017, das Thüringer Gaststättengesetz (ThürGastG), damit sich Betroffene leichter gegen Diskriminierung an der Clubtür wehren können. So wurde der Ordnungswidrigkeitenkatalog in Paragraph 10 des Gesetzes um folgenden Punkt ergänzt: „Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig als für das Betreiben eines Gaststättengewerbes verantwortliche Person bei der Kontrolle des Einlasses in eine Gaststätte oder beim Aufenthalt in einer Gaststätte eine Person wegen der ethnischen Herkunft oder der Religion benachteiligt.“ Ein Verstoß kann mit einer bis zu 10.000 Euro hohen Geldstrafe geahndet werden. Ist die Gesetzesänderung noch nicht bis zu den Thüringer Polizistinnen und Polizisten durchgedrungen?

Polizei: Keine Straftaten festgestellt

Robert Fischer von der Pressestelle der Landespolizeiinspektion Erfurt zeichnet ein anderes Bild. Die Kolleg*innen hätten keine Straftaten feststellen können. Ihnen sei vor Ort mitgeteilt worden, es gebe eine Vorgeschichte, weshalb Leo und Julius nicht in den Club dürfen. „Somit wurden logische Gründe genannt, weshalb die Beamten nicht von Rassismus ausgingen und insofern an der Situation nichts ändern konnten“, so Fischer. Wie genau diese Vorgeschichte aussah, könne er nicht sagen. Guardian Force Security erklärt in einer Stellungnahme, die „Abweisung erfolgte ohne jegliche rassistische oder diskriminierende Begründung, sondern resultierte aus dem Wiedererkennen der zwei Personen als Störer aus einem anderen Erfurter Club. Dieses wurde den Personen auch so mitgeteilt.“ In welchem Club, wann, und wie die beiden Austauschstudenten als Störer aufgefallen sein sollen, wollte das Sicherheitsunternehmen zum Schutz seiner Kunden, „um einer möglichen imageschädigenden Berichterstattung vorzubeugen“, nicht angeben.

Türsteher haben das Hausrecht und dürfen abweisen, wen sie wollen – außer sie sortieren dabei nach ethnischer Herkunft oder Religion aus. (Screenshots: Privatvideo)

Julius und Leo können die Behauptung von ihrer angeblichen Vorgeschichte nicht nachvollziehen. Beide sind erst seit September in Erfurt und waren nach eigener Aussage bisher nur in einem anderen Erfurter Club: in der Engelsburg – die wird allerdings nicht von Guardian Force Security betreut. Dennoch wehrt sich das Sicherheitsunternehmen gegen den Vorwurf, man würde eine rassistische oder diskriminierende Türpolitik betreiben. Als „völliger Unsinn“ bezeichnet den Vorwurf auch Daniel Drescher, Geschäftsführer des Cosmopolar. Grundsätzlich könne jeder den Club besuchen, „welcher sich ausweisen kann, den Eintritt zahlen kann, sich ordentlich gekleidet hat, nicht alkoholisiert ist und in das Sicherheitskonzept passt.“ Dass Schwarze generell nicht ins Cosmopolar dürfen, davon gehen die Studierenden auch nicht aus – Leo ist selbst am Donnerstag zuvor ohne Probleme in den Club gekommen. Dagegen, dass am Samstag pauschal Schwarze Männer abgewiesen wurden, sprechen darüber hinaus Fotos in der Bildergalerie der Party. „Es sollte nicht darum gehen, wer in den Club kam oder nicht. Es sollte darum gehen, dass sie gesagt haben, ich kann nicht rein, weil ich Schwarz bin“, findet Julius.

„Irgendwie hoffe ich immer noch, dass das alles ein riesiges Missverständnis war“, sagt Paulina, die später zu der Gruppe stoßen wollte. Als sie am Club ankam, war die Polizei schon da. „Ich habe dem Club danach einige Nachrichten bei Facebook geschrieben. Zurück kamen lakonische Antworten wie: ‚Wir tolerieren kein gewaltsames Verhalten'“, berichtet sie weiter. Warum Leo und Julius nicht mit den anderen feiern durften, kann sie immer noch nicht begreifen. Auch wenn man der Darstellung der Security glaubt, ist nicht ausgeschlossen, dass die beiden fälschlicherweise für jemand anderes gehalten wurden. Guardian Force Security hat zugegeben, die Personalien der beiden nicht zu kennen. Eine Verwechslung hätte man „vor Ort durchaus klären können“, teilt das Unternehmen mit, jedoch seien „die Personen sofort verbalaggressiv gegen unser Personal vorgegangen, sodass eine Klärung nicht möglich war“. Die Mitarbeiter sollen als „Rassisten“ und „Nazis“ beschimpft worden sein. Leo und Julius bestreiten das.

„Vielleicht denken die anderen jetzt, mit mir komme man nicht in den Club“

Obwohl die Polizei keine Straftaten festgestellt hat, könnte der Fall rechtliche Folgen haben. Das Sicherheitsunternehmen will seinen Mitarbeitern „das Recht vorbehalten, Strafanzeige wegen Beleidigung und Verstoß gegen die Persönlichkeitsrechte, zu stellen“, und auch Julius überlegt, ob er Anzeige erstatten will. Er habe schon Rassismus erlebt, aber noch nie sei es so offensichtlich gewesen. Der Student fürchtet nun, er werde vielleicht nicht mehr von anderen zu Partys eingeladen: „Nicht weil sie rassistisch sind, sondern weil sie denken, mit mir komme man nicht in den Club.“ Am schlimmsten sei für ihn aber eine Diskussion mit der zweiten Polizistin gewesen, die auch andere aus der Gruppe mitverfolgt haben. „Er sagte, das sei nicht, wofür er nach Deutschland gekommen ist, und dass die Situation ihn dazu bringe, nochmal über seinen Aufenthalt hier nachzudenken“, gibt Teresa Julius‘ Worte wieder. Dann habe die Polizistin gesagt, es sei seine eigene Entscheidung, niemand zwinge ihn hier zu sein und wenn es ihm nicht gefalle, solle er gehen. „Ich muss sagen, dass Julius auch etwas überdreht war, als er mit ihr gesprochen hat, aber ihre Einstellung ging gar nicht“, fasst Julio die Situation zusammen. Die Polizei wird das Verhalten der Beamtin prüfen, versichert Sachbearbeiter Robert Fischer.

„Dass es in der Gesellschaft solche Haltungen gibt, damit habe ich gerechnet, aber nicht bei der Polizei“, sagt Julius. Auch Leo findet es schwierig, „an einem Ort zu leben, an dem du weißt, dass du vielen nicht willkommen bist“. Den beiden ist es aber wichtig, zu betonen, dass sie nicht verallgemeinern wollen und bisher schon viele tolle Leute in Deutschland kennengelernt haben.


  1. Zitate der internationalen Studierenden wurden von Englisch nach Deutsch übersetzt. 
  2. Eine Veröffentlichung des Videos wird geprüft. 

2 thoughts on “„Ich hoffe immer noch, dass alles ein riesiges Missverständnis war“”

  1. Jonas says:

    Es wäre vielleicht noch wichtig zu erwähnen, dass das Verhalten der „Sicherheitskräfte“ nicht besonders überraschend war. Schließlich hat Guardian Force offensichtlich kein Problem damit, bekannte Erfurter Rechtsradikale zu beschäftigen. Siehe hierzu bspw. https://m.facebook.com/akeerfurt/photos/a.471467859717781/982886971909198/?type=3

  2. Anonymous says:

    Köstlich

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